Durch das Holzland führt die Regensburger Straße

 
Das unten abgeschriebene Dokument wurde auf die Rückseiten der unten abgebildeten Formulare DIN A 4 „Rohausfallmeldungen“
mit Datum 01. und 05.11.1949 Unterschrift „Fischer“ geschrieben. Übergeben von Werner Rolle Hermsdorf
 

Durch das Holzland und mitten durch Hermsdorf schlängelt sich die alte Handels- und Heerstraße, die Regensburger Straße, weil sie die alten Bischofssitze Naumburg und Regensburg verband und deshalb auch Naumburger- oder Regensburger Straße genannt wurde. Sie war für das gesamte Holzland von besonderer Bedeutung. Wie aus der Chronik hervorgeht, muss diese Verkehrsverbindung schon um 1100 bestanden haben und durch dichten Urwald seinen Lauf genommen haben, denn die Gegend war den Menschen wahrlich unbekannt, allein den wilden Tieren und ungezähmten Bestien Kund, schrieb der Chronist. Von Auma her führte die Straße vom Süden in nördliche Richtung durch das Holzland. An dieser Straße entstanden mauerumfriedete Fuhrmannsgasthöfe, wie die „Neue Schenke“ bei Tautendorf, der „Zum Schwarzen Bär“ in Hermsdorf, der „Gasthof zu den Ziegenböcken“ und der „Gasthof zum Trotz“ in unserem Gebiet, dazu noch eine Reihe außerhalb des Holzlandes, die aber alle in einem alten Fuhrmannslied „Von Naumburg“ bis Hof“ besungen wurden.

In Hermsdorf steht mitten im Ort der Gasthof „Zum Schwarzen Bär“. In einer Chronik heißt es, 1646 ließ der Wirt Dämmrich seinen Gasthof „Zum Schwarzen Bär“ neu erbauen und der Bau glich einer Feste, oder einer alten Burganlage, die sich bis in unsere Tage erhalten hat. Nur die ältesten und baufälligsten Teile, sowie die alte Brauerei und die Remise sind abgerissen worden. Als der alte Teil mit dem Taubenschlage abgerissen wurde, entdeckte man in der Wandremise ein altes Wandbild, welches noch niemand bis dahin aufgefallen war, weil der Raum immer im Halbdunkel lag. Es stellte die damaligen Landfuhrleute mit dem Planenwagen in blauen, weiten Kitteln dar. Das Bild scheint ein durchreisender Handwerksbursche angefertigt zu haben, als er in dem Raume übernachtete. Das Bild wurde von der Abteilung Heimat- und Denkmalspflege zu Weimar fotografisch festgehalten so der Nachwelt erhalten.

 

Im siebenjährigen Krieg war der Besitzer die Witwe Gentsch, sie scheint wohlhabend gewesen zu sein, denn sie hatte 1762 die stärkste Einquartierung zu unterhalten und musste 24 Mann und 29 Pferde verpflegen. Vom Gasthof „Zum Schwarzen Bär“, gegenüber an der Geraer Straße, steht das Haus von Grunerts Bäcker, einer alteingesessenen Hermsdorfer Bäckerfamilie. Der alte Bäcker Michael Gruner hatte die zweitstärkste Einquartierung und musste 14 Mann, 13 Pferde und ein Weib ins Quartier nehmen und verpflegen.
Inzwischen hat der Gasthof noch mehrmals seinen Besitzer gewechselt. 1919 hat ihn Bruno Thomas von Reinhold Serfling übernommen und seit dem ist viel erneuert und renoviert worden.

Wenig bekannt ist die Geschichte von der alten Magd, die viel gewagt, wie mir erst neulich der Besitzer des alten Gasthofes erzählte und die bisher noch nicht veröffentlicht zu schein scheint. Als alles ausgegangen war und die Magd allein im Gasthof war und sie am Fenster nach der jetzigen Bergstraße zu sah, beobachtete sie scharf die alte Heerstraße, da es im dichten Wald nicht geheuer war und sich manches Gesindel umhertrieb. Da bemerkte sie, wie sieben Männer um das Gebäude schlichen und ins Haus einzudringen suchten. Als sie sich anschickten durch die Kellerlucke einzusteigen, wo heute noch die Runkelrüben in den Keller gelassen werden, war sie so beherzt, dass sie mit dem Beile in den Keller ging und sich an der Luke aufstellte. Der Keller war wie ein Tiefkeller unter der Straße. Als nun der erste den Kopf durch die Luke steckte, schlug sie ihm mit dem Beile den Kopf ab und stürzte ihn in den Tiefkeller und so fort, bis sie alle erledigt hatte.

An der Stelle „Zum Schwarzen Bär“ mag die Gegend recht sumpfig gewesen sein, denn als 1929, bei Kanalisationsarbeiten bis 3 Meter tief ausgeschachtet wurde, fanden sich Knüppeldämme in mehreren Lagen. Die Hölzer waren teilweise noch gut erhalten, weil sie im Sumpfe von der Luft abgeschlossen waren. Dazwischen fanden sich Kettenstücke und Hufeisen, die von den Pferden im Morast verloren wurden. Die Sumpfstellen sind damals mit Knüppeldämmen überbrückt worden und wenn ein Holzbelag zu tief im Schlamm eingedrückt war, wurde ein neuer darauf gebaut, bis der auch wieder versunken war. Der Sumpf ist erst später entwässert und die Straße ausgebaut worden, dabei blieben die Hölzer darunter liegen, bis sie durch den Straßenbau teilweise ans Tageslicht gelangten. In den Jahren 1929 und 1930, als Hermsdorf seine Straßen ausbaute und zuvor erst Kanalisation legte, kamen viele Fremde nach hier, um sich die alten Funde und Überlieferungen aus damaliger Zeit anzusehen und mancher nahm sich ein solch altes Stück Holz aus den Jahrhunderten mit nach Hause.

Durch die günstige Lage an der Regensburger Straße veranlasste, nahmen viele Hermsdorfer das Fuhrgewerbe auf. Die Holzländer fuhren in blauen, weiten Kitteln mit Planwagen bis nach Hamburg und an die Ostsee, bis an den Rhein und die Donau, bis nach Österreich. Sie nahmen die Erzeugnisse des Holzlandes mit und brachten bei ihrer Heimkehr nicht nur neue Nachrichten, sondern auch allerlei Waren mit, wie Fiche, Gurken, Zwiebeln und dgl..

Das Hauptziel war meistens Naumburg, und meine Mutter, jetzt 94 Jahre alt, aber immer noch rüstig und geistig auf der Höhe, berichtet heute noch davon, wie sie erst mit dem Schubkarren, dann mit dem zweirädrigen Ziehkarren, den Hund vorgespannt, noch vor Morgengrauen nach Naumburg und Abend zurück gepilgert sind. Sie brachten in einem 6 bis 7 stündigen Fußmarsch Heidelbeeren nach Naumburg. Eine Bahnverbindung bestand damals noch nicht. Die Gera-Weimar Eisenbahn wurde erst 1876 erbaut, und trotzdem das Fahrgeld billig war, wurde nur gefahren, wenn es äußerst notwendig war. Bei diesen Fahrten und Fußmärschen wurde in alte Gasthöfe an der Regensburger- oder Naumburger Straße vielfach Rast gehalten.
So liegt etwa 3 km von Hermsdorf in nördlicher Richtung mitten im Walde der Gasthof „Zu den drei grauen Ziegenböcken“, einfach „Ziegenböcke“ genannt. Ab dem 13. Jahrhundert wird er nach Aufzeichnungen an einer Tafel im Hausflur des Gasthofes als „Jägerei des Klosters zu Lausnitz“ bezeichnet. Dann wird er 1712 urkundlich genannt, hatte aber noch keinen Namen und wurde als Wirtshaus am Teufelssee bezeichnet, wohl deshalb, weil ganz in der Nähe die Klosterlausnitzer Sümpfe liegen, an die sich zahlreiche Sagen anknüpfen. Der Besitzer war Hans Klostermann. Der Gasthof gehörte nach der Chronik von Bobeck zum Gemeinde- und Kirchenverband Bobeck. Bei den Ziegenböcken zweigt auch links ein Weg nach Waldeck ab, der in seiner Geraden nach Bobeck führt. 1733 wurde Johann Andreas Recke Pachtwirt und mit der Wirtin Marie Zeunert 1787 tauchte die heutige Bezeichnung „Ziegenböcke“ auf. Dann wurde 1793 Gottlieb Held, 1816 der Müller Karl August Pflock aus Utenbach Wirt und schon nach drei Jahren 1819 Johann Christian Sander. 1828 Johann Friedrich Trebst(e) und 1830 Karl Schömitz. 1856 ging der Gasthof unter dem Wirt Karl Preller in den Gemeinde- und Kirchenverband Serba, dem jetzigen Kreis Eisenberg, über. Von 1889 an waren Anna und Richard Schlegel aus Hermsdorf Besitzer des Gasthofes und ab 1920 bewirtschaftete ihn Karl Schlegel aus Hermsdorf.
In dem Gasthof scheint es früher lustig hergegangen zu sein, denn wie aus einer Urkunde aus dem Jahre 1808 hervorgeht, musste gegen die ledige Dirne Dorothee Marie Zeunert eingeschritten werden. Es wurde auch Anklage wegen Waldfrevel und Holzdiebstahl erhoben.

Trotz aller Unannehmlichkeiten und Erschwernisse der damaligen Zeit waren die Holzländer ein lustiges und sangesfreudiges Völkchen. Besonders kam der Humor zum Durchbruch, wenn sie beim Nationalgetränk des Holzlandes, dem Rumkaffee saßen, dann schmetterten sie aus vollen Kehlen. In der Zeit entstand, wie schon angegeben, das alte Fuhrmannslied „Von Naumburg bis Hof“, in dem die alten Fuhrmannsgasthöfe besungen wurden:

1. In Naumburg geht’s die Hohle raus,
und die Neuhäuser Wirtin, die hängts Maul recht raus
Futterallerallera, Futterallerallera.

2. In Prießnitz fahrn wir in tiefen Dreck hinein
und die Mohlhäuser Wirtin spannt kein Fuhrwerk mit ein.

3. In Tierschneck hängen Bratwürste raus
und in Wetzdorf spannte alles Fuhrwerk aus.

4. Der Rausch’zer (1) Wirt hat zwei schöne Schimmel,
doch sein Sohn ist ein großer Lümmel.

5. Der Trotz, der ist ein Staatswirtshaus
auf den Ziegenböcken springen die Mäuse raus.

6. In Hermsdorf hängt der Schwarze Bäre
und die Neuschenker Wirtin springt der kreuze und der quere.

7. Auf der Sorge sieht’s drecksch und schmutzig aus
und de Grutzger (2) Friede die kocht Sauerkraut.

8. In Mittelpöllnitz müssen wir Chausseegeld zahln
und in Braunsdorf geht’s die Stufen nan.

9. In Auma fahren wir rechts vorbei
und in Krilp (3) kehrn wir bei der Hennechristel ei.

10. In Schleiz, drinne steht die Schinderei
und die Zollgrüner Wirtin die ist vogelfrei.

11. Nun fahren wir sachte ins Gefell hinein
und in Hof schenkt man uns nur „Bayrisch“ ein.
(1) Rauschwitz (2) Gerode (3) Krölpa

Die Hauptblütezeit der Fuhrleute war in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts, nach dem Ausbau der Straßen und Gründung des Zollvereines. Allerdings war auch diese Blütezeit nur von kurzer Dauer. Als 1876 die Bahnline Gera-Weimar gebaut war, hatten die Fuhrleute keine Verdienstmöglichkeiten mehr und verarmten mehr und mehr. In seinem Zorn dichtete ein Hermsdorfer:

Wer hat denn nur den Dampf erdacht,
die Fuhrleut um ihr Brot gebracht?
Wir sind jetzt wahrhaft übel dran,
der Teufel hol die Eisenbahn!

So waren die Fuhrleute gezwungen sich als Händler umzustellen. Sie haben aber mit der modernen Technik Schritt gehalten und benutzen heute alle motorisierte Verkehrsmittel. Die alte Regensburger Straße mit seinen Fuhrmannsgasthöfen ist aber bestehen geblieben und sind noch Kinder der damaligen Zeit.

 

Rückseite des Dokumentes