14.05.1896 die Krönung von Nikolaus II - den letzten russischen Zaren.

 
Nachfolgend wird das Ereignis geschildert, auf welches sich der Zeitungsartikel vom 24.06.1896 im „Eisenberger Nachrichtsblatt“ bezieht. Quelle: „Nikolaus II - Der letzte Russische Zar“ [Bechtermünz Verlag]
 

Drei Tage später, am 18. Mai, ereignete sich eine Tragödie, die alle anderen Eindrücke überdeckte. Laut des angesetzten Programms sollte um 10 Uhr morgens auf dem Feld von Chodynka, wo 150 Büfetts und 10 Pavillons errichtet worden waren, mit der Verteilung von 400.000 Zarengeschenken begonnen werden, die aus einem Bündel mit verschiedenen Lebensmitteln und einem Emaillebecher mit Zarensiegel bestanden. Dem sollten Theatervorführungen und um 14 Uhr das „allerhöchste Heraustreten“ folgen. Die Menschen begannen sich schon seit dem Abend einzufinden und ließen sich dabei offensichtlich von Gründen leiten, die der Arbeiter Wassili Krasnow später anführte: „Bis zum Morgen zu warten, um gegen 10 Uhr dort hinzugehen, wenn die Verteilung der Geschenke und der Andenkenbecher beginnen sollte, erschien mir einfach dumm,“ erinnerte er. „So viele Leute, dass nichts übrig bleibt, wenn ich morgen komme. Und die nächste Krönung, erlebe ich die noch? ... Ohne ein Andenken an dieses Fest zu bleiben erschien mir, einem gebürtigen Moskauer, verwerflich: was für eine unbesäte Stelle auf dem Feld würde ich sein ich sein? Die Becher waren, wurde gesagt, sehr schön und hielten ewig“ Damals war Emaillegeschirr noch etwas Ungewohntes.
Das Feld von Chodynka, das der Moskauer Garnison als Truppenübungsplatz diente und dementsprechend von Gräben und Brustwehren durchzogen war, erwies sich als denkbar ungeeignet für derartige Veranstaltungen. Die für die ordnungsgemäße Durchführung Verantwortlichen reagierten ebenfalls nicht entsprechend auf die gefährliche Ansammlung von Menschen, die schon am Vorabend eine halbe Million zahlten, und ließen die entstandene Situation außer Acht. Das Unglück ereignete sich um sechs Uhr am Morgen. Die Menge, erregt von den Gerüchten, dass irgendwer bereits Geschenke erhielt, setzte sich in Bewegung, "sprang plötzlich auf wie ein Mann und warf sich mit solch einer Macht nach vorn, als ob sie von Feuer verfolgt worden wäre", berichtete ein Augenzeuge. "Die hinteren Reihen drängten gegen die vorderen, wer hinfiel, wurde niedergetreten, ohne dass man sich bewusst war, dass man über noch lebende Körper ging, als seien es Steine oder Balken. Die Katastrophe wahrte nur 10-15 Minuten. Als die Menge zur Besinnung kam, war es schon zu spät."
Um acht Uhr erreichte die Nachricht vom Geschehenen Generalgouverneur Großfürst Sergej Alexandrowitsch und bald darauf auch den erschütterten Kaiser. Das Unglück während der Feiern hinterließ einen niederschmetternden Eindruck. "Eine große Sünde ist geschehen", schrieb er in sein Tagebuch.
Allein laut offizieller Statistik wurden auf dem Feld von Chodynka 2690 Personen verletzt, 1389 davon tödlich. Nach Abschluss der Untersuchungen wurden die Moskauer Polizei und der Generalgouverneur, der im Volk den Beinamen „Fürst von Chodynka“ bekam, für das Unglück verantwortlich gemacht. Oberpolizeimeister Wlassowski wurde aus dem Dienst entlassen. Wer diese Nacht miterlebt hatte, erinnerte sich an den "Blutsamstag" als die stärkste Erschütterung seines Lebens.

P. Schostakowski schrieb im Nachhinein: "Das Wetter war wunderschön und das voraus denkende Moskauer Volk... entschloss sich, die Nacht auf dem Feld von Chodynka an der frischen Luft zu verbringen, um gleich zu Beginn des Festes an Ort und Stelle zu sein... Die Nacht war zu allem Unglück mondlos, und das Feld von Chodynka versank in völliger Dunkelheit. Es kamen immer mehr Leute. Viele sahen den Weg nicht, stolperten und fielen in die Gräben... Die unüber­sehbare Menge wurde immer dichter. Immer mehr und mehr Menschen trafen ein. Nicht weniger als eine halbe Million Menschen hatten sich bis zum Morgen zwischen der Stadtgrenze und der Wand aus 100 Büfetts angesammelt. Die wenigen Polizisten und Kosaken, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung auf das Feld von Chodynka geschickt worden waren, merkten, dass die Lage bedrohliche Ausmaße anzunehmen begann und dass sie mit dieser Elementargewalt nicht fertig werden würden. Der Morgen war ruhig, es war windstill. Die aneinander gepresste Menge bekam keine frische Luft. Das Atmen wurde immer schwerer Schweiß lief aber die bläulich - weißen Gesichter und sie wirkten verweint... Die bis zum Letzten zusammengedrängte Masse von einer halben Million Menschen drängte mit ihrem ganzen unvorstellbaren Gewicht in Richtung der Büfetts. Die Menschen fielen zu Tausenden in den Graben, auf die Köpfe derer, die schon auf seinem Grund standen. Ihnen fielen mehr und mehr hinterher, bis der Graben bis obenhin mit Körpern zugeschüttet war. Sie liefen über sie hinweg, sie konnten nicht stehen bleiben..." Der bekannte Reporter Wladimir Giljarowski, der die Nacht auf dem Feld von Chodynka verbrachte, erinnerte sich: „Über der millionen­köpfigen Menge begann sich Dampf zu erheben, der Sumpfnebel ähnelte...“  Das Gedränge war fürchterlich. Vielen wurde schlecht und einige verloren das Bewusstsein, ohne die Möglichkeit gehabt zu haben, herauszukommen oder auch nur umzufallen: bewusstlos, mit geschlossenen Augen, eingezwängt wie in Schraubstöcke, wogten sie mit der Menge hin und her... Ein in meiner Nähe neben meinem Nachbarn stehender großer, wohlgestalteter alter Mann atmete schon lange nicht mehr: er war schweigend erstickt, ohne Laut gestorben, und seine erkaltete Leiche wogte mit uns hin und her. Neben mir übergab sich jemand. Er konnte nicht einmal den Kopf senken..."
Eilig wurden Kosaken und Polizei herbeigerufen. Alle Feuerwehreinheiten Moskaus rückten an, denen es auferlegt war den größten Teil der Getöteten und Verletzten auf dem Feld zu bergen. Vielen wurde es an jenem Tag zuteil, auf die langsam dahinrollenden und eilig mit Matten bedeckten Fuhrwerke zu treffen, mit denen die Leichen abtransportiert wurden.

 
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