Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde St. Salvator

Autor: Wolfram Göbel, Fotos und Ergänzungen: Stefan Lechner
     
  Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde St. Salvator Anders als die großen Dome, Münster und Stiftskirchen, die vornehmlich zur Ehre Gottes und zur Repräsentation errichtet wurden, waren die Dorfkirchen, solange die sie nutzenden Gemeinden auch als Bauherr auftraten, stets dem Leistungsvermögen und dem Bedarf der Bauherrn angepasst. So erfuhr auch die St. Salvator - Kirche in Hermsdorf immer wieder Veränderungen der Bausubstanz und der Ausstattung, die sie mit der Bevölkerungsentwicklung und mit den ökonomischen Möglichkeiten in Einklang brachten.

Das jetzige Gotteshaus wurde im Jahre 1732 eingeweiht. Zuvor stand hier ein kleines, uraltes Kirchlein. Nach Aufzeichnungen der ältesten Kirchenbücher kann man sich deutlich vorstellen, wie das Bauwerk beschaffen war und wie es ausgesehen hat; zudem zeigten die in der Zeit der Besiedelung durch die Franken errichteten kleinen Dorfkirchen in unserer Region fast alle eine einheitliche Bauweise: Mächtige Türme, kleine Rundbogenfenster und umwehrte Friedhöfe. Neben der Funktion als Gottesdienstraum dienten sie auch als kleine Fluchtburgen zum Schutz vor Angriffen der in der Nachbarschaft lebenden Sorben und später gegen Übergriffe unterschiedlichen Raubgesindels.


Wir können – auch ohne genaue Zeugnisse zu besitzen – davon ausgehen, dass die fränkischen Neusiedler bei der Gründung Hermsdorfs katholische Christen waren. Als sie um das Jahr 1150 ihre Blockhäuser errichtet hatten, begannen sie mit dem Bau ihres kleinen Gotteshauses. Die wetterfesten Steine wurden in der Umgebung gesammelt oder gebrochen und herangekarrt. Als Bindemittel diente Kalk, der von weither angefahren werden musste. Das Holz wuchs in den Wäldern des Holzlandes. Der massive Turm war im oberen Bereich als Fachwerk ausgeführt. Nach Ausweis des Kirchenrechnungsbuches vom Jahre 1588 waren die 4 Fachwerkseiten des Turmes zum Schutz mit Schiefer beschlagen und das Dach war mit Ziegeln eingedeckt. Damit konnte der Turm den Angriffen recht gut widerstehen. Das Kirchenschiff hatte eine Schindeldeckung und kleine, hoch angesetzte Rundbogenfenster, die wenig Licht herein ließen. Oben auf dem Turm drehte sich die Wetterfahne.

Die Kirchgemeinde war relativ wohlhabend. Im Turme hingen um diese Zeit schon drei Glocken, und 1589 leistete sich die Gemeinde eine neue Kirchturmuhr. Die alte wurde im Folgejahr verkauft. Der Gottesacker umgab die Kirche und war durch Palisaden eingefriedet.


Geistlich wurde die erste Hermsdorfer christliche Gemeinde vom Kloster Lausnitz betreut. Es sind uns keine Namen von Pfarrern überliefert. Spätestens im Jahre 1529 hielt die Reformation in Hermsdorf Einzug. Erst seit dieser Zeit sind alle Pfarrstelleninhaber von Hermsdorf bekannt (s. Zeitleiste). Es existiert ein Bericht von der Kirchenvisitation 1529, dass der damalige Pfarrer Balthasar Poel (oder Buhel) von der oberen Kirchenbehörde überprüft und beraten wurde. Er wurde als „gelehrt“ beurteilt.

Ein Grundanliegen der Reformation war es, dass jeder Mensch die Bibel lesen können soll. Daher war es nötig, Schulen zu bauen und Lehrer auszubilden und in die Dörfer und Städte zu schicken. Oft errichtete man die Schule in der Nähe der Kirche. Daraus resultierte die enge Verbindung zwischen Kirche und Schule bis zur Übernahme der Schulen durch den Staat im Jahre 1918. Eine wichtige Aufgabe für die Pfarrer war es auch, die Eltern zu überzeugen, ihre Kinder auch wirklich zur Schule zu schicken.
Die kleine Hermsdorfer Kirche genügte über Jahrhunderte dem Bedarf der Gemeinde. Aus den Abgabenverzeichnissen kann man auf die Bevölkerungsentwicklung schließen. Danach bestand Hermsdorf 1521 aus 18 Häusern mit etwa 90 Einwohnern. Aber der Ort wuchs, und am Ende des 16. Jahrhunderts lebten hier bereits knapp 200 Menschen. Um 1600 baute man deshalb die Kirche um und schuf weiteren Platz durch den Einbau einer Empore. Sie war möglicherweise durch eine Außentreppe zugänglich, wie das heute noch bei der Bobecker Kirche zu sehen ist. Bereits nach dem 30-jährigen Krieg reichte der Platz wiederum nicht aus, und der Amtmann aus Eisenberg forderte die Gemeinde auf, eine 2. Empore einzubauen.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war die kleine Kirche recht baufällig geworden und reichte längst nicht mehr für alle Gläubigen aus. Ab 1710 strebte man nachweislich die Erneuerung des Kirchenbaus an. Aus finanziellen Gründen erwog man zunächst, die baufälligen Teile zu erneuern. Mit dem Turm wollte man beginnen. Fachleute befürchteten jedoch, dass beim Einreißen des Turmes der Dachstuhl des Kirchenschiffs einstürzen würde. So war man gezwungen, doch den Neubau anzustreben.
1720 war die Bevölkerung auf 491 Seelen angewachsen. Dazu kam, dass die Filialgemeinden Oberndorf und Reichenbach gehalten waren, jeden dritten Sonntag und zu den großen Festen und Bußgottesdiensten in die Hermsdorfer Kirche zu kommen. Die Filialgemeinden hatten zusammen etwa eben so viele Einwohner wie Hermsdorf. Der Pfarrer und die Gemeinde Hermsdorf stellten in verschiedenen Anläufen Anträge auf Genehmigung eines Kirchenneubaus an den Landesherren. In der Begründung beklagten sie sich, dass es bei Festgottesdiensten selbst nicht genug Stehplätze in der Kirche und auf den Emporentreppen gebe und sie teils draußen auf dem Kirchhof oder im „Leichenhäuslein“ bleiben müssten. Auch sei es an trüben Tagen so dunkel in der Kirche, dass man auf den Emporen und auf den „Weiberplätzen“ nicht lesen könne.
Die Finanzierung von beinahe 2.000 Gulden sollte etwa zur Hälfte aus Rücklagen und zur anderen Hälfte durch die Nutzung des Abbruchmaterials der alten Kirche, der Verwendung von Holz aus dem Kirchenwald und durch Holzverkauf gesichert werden. Transportleistungen und Hilfsarbeiten schlagen dabei nicht zu Buche. Sie waren weitgehend durch Fronleistungen der drei Gemeinden zu erbringen. Die Filialgemeinden wehrten sich zwar gegen die Fron, da sie ja jede ihr eigenes Kirchengebäude besaßen und erhalten mussten, wurden aber schließlich durch Gerichtsbeschluss zu den Leistungen gezwungen.

  Die Hermsdorfer St. Salvator Kirche

Die letzte Entscheidung des Konsistoriums zur Finanzierung des Kirchenneubaus war noch nicht gefallen, da hatten die Hermsdorfer am 21.04.1732 ihre alte Kirche bereits eingerissen und den Bauplatz beräumt. Einmal genehmigt und begonnen, ging alles dann sehr schnell. Am 06.05.1732 erfolgte die Grundsteinlegung, am 25.08.1732 wurde mit dem Richten begonnen, und am 04.09.1732 war das Kirchgebäude mit dem Turm so weit fertig gestellt, dass es nach dem unumgänglich erforderlichen Innenausbau am 1. Advent 1732 durch den Superintendenten Tömlich von Eisenberg als Gotteshaus geweiht werden konnte. Bauliche Restarbeiten hoffte man 1733 zu erledigen. So wurde der Turm offensichtlich erst im Frühjahr fertig gedeckt , denn der Knopf ist am 30.03.1733 aufgesetzt worden. Die einzelnen Gewerke führten aus: Maurermeister Gottfried Brendel aus Rauda bei Eisenberg, Zimmermeister Andreas Schöppe und sein Bruder Zimmermeister Hans Schöppe aus Klosterlausnitz, Tischlermeister Georg Martin aus Hermsdorf, Schieferdecker Johann Daniel Bleyl aus Altenburg und Dachdecker Christian Friedrich.

Die Kirche wurde mit zwei Emporen ausgestattet. Der frei stehende steinerne Altar befand sich im unteren Bereich des Turmes, also im Ostteil des Gebäudes. Das große Kruzifix wurde aus der alten Kirche übernommen. Der Turm erhielt die drei vorhandenen Glocken und wahrscheinlich auch die Turmuhr von 1589.

Emporen und Decke des Schiffs wurden einige Jahre nach dem Neubau der Kirche durch den Maler Schildbach aus Eisenberg mit Bildern und Sprüchen in blau und zum Teil in braun bemalt. Vorzugsweise arbeitete er in Grisaille-Technik, einer Ton-in-Ton-Malerei mit großer plastischer Wirkung. Als Vorlage dienten überwiegend Motive aus der sogenannten Merian-Bilder-Bibel. Die bewegte und lebendige Malweise entspricht dem Rokokostil. Das Mittelfeld der Decke stellt Dr. Martin Luther dar, die aufgeschlagene Bibel in der Hand.

An den vier Seiten der Tonnendecke sind in großen Medaillons die Geburt Jesu, Auferstehung, Himmelfahrt und Ausgießung des Heiligen Geistes in blauen Farbtönen verbildlicht. In den Ecken sind die vier Evangelisten Lukas, Markus, Matthäus und Johannes mit ihren Symbolen (Markus: Löwe, Johannes: Adler, Matthäus: Engel, Lukas: Stier) in bräunlichen Farbtönen dargestellt.

Die obere Empore enthält sinnbildliche Darstellungen mit belehrenden Unterschriften, die untere Empore an der Nordseite die Propheten und den St. Salvator (Christus im Garten Gethsemane), an der Südseite die zwölf Apostel in bläulichen Farbabstufungen. Darunter standen erklärende Bibelsprüche. Das Kirchenvermögen hatte sich 20 Jahre nach dem Neubau wieder so weit erholt, dass man sich um 1750 eine kleine Orgel leisten konnte.
Zur 100-Jahrfeier 1832 wurden Kanzel und Altar mit neuen Paramenten (textiler Behang in unterschiedlicher Farbe, je nach der Zeit im Kirchenjahr) versehen. Man ersetzte den steinernen Altar durch einen hölzernen, der an der Rückwand eine Sonne und ein Kreuz trug und durch zwei hölzerne Säulen geschmückt war. In einer dieser Säulen fand man interessanterweise 1936 nach ihrer Entfernung aus der Kirche und nachdem sie bereits eine Weile in einem Garten aufgestellt waren eine Nachricht über diese Neugestaltung des Altarraumes und der Kanzel sowie Berichte zur Zeitgeschichte.
 
Am 14.11.1932 wurde das Jubiläum der 200jährigen Kirchengeschichte gefeiert. Das Foto oben zeigt den damaligen Kirchenvorstand von Hermsdorf.
Am 14.11.1932 wurde das Jubiläum der 200jährigen Kirchengeschichte gefeiert. Das Foto oben zeigt den damaligen Kirchenvorstand von Hermsdorf. Klick auf das Foto.
 
Eineinhalb Jahrhunderte hat unsere Kirche in dieser Form bestanden. Als Ende des 19. Jahrhunderts Hermsdorf durch Eisenbahnanschluss und beginnende Industrialisierung einen bedeutenden Aufschwung erfuhr, genügte das Kirchengebäude wiederum nicht mehr den Anforderungen. Es wuchs mit. An der Westseite, in der sich auch das Portal befand, wurde ein Vorbau geschaffen, der Platz für eine größere Orgel und zwei geräumige Treppenhäuser als Aufgänge zu den Emporen bot. Dem Zeitgeschmack entsprechend gestaltete man diesen Bau in gotischen Formen. Gleichzeitig passte man den Chorraum durch ein Spitzbogenfenster mit farbiger Bleiverglasung in der Ostwand sowie Altar, Kanzel und Orgelprospekt durch entsprechende Schnitzarbeiten diesem Stil an. Später wurde auch die Dachneigung des Kirchenschiffes dazu passend steiler ausgeführt. Ursache für die Umgestaltung des Daches waren aber auch Stabilitätsprobleme. Das Fenster hinter dem Altar bewirkte, dass der Altar selbst im Schatten lag. Es ergab sich ein düsteres Bild. Am 21.01.1885 nahmen Kapellmeister Stade aus Altenburg und Professor Ehrhard aus Eisenberg die neue Orgel der Kirche ab, die von den Gebrüdern Poppe in Roda gebaut wurde.
Im Jahre 1896, am 1. November, wurde die Kirche das erste Mal beheizt. Dazu war der Einbau von zwei großen eisernen Öfen und die Errichtung von 2 Schornsteinen jeweils außen an der Nord- und an der Südseite erforderlich. Wenn die Schornsteine noch kalt waren gab es Schwierigkeiten beim Anheizen. Jahrelang wurde die Kirche durch austretende Rauchgase belastet, die vor allem der Ausmalung schadeten. Die Bilder an der Decke und an den Emporen verrußten und die Farbe blätterte z.T. ab. Die Wände waren an vielen Stellen durch Salpeterausblühungen verunziert. Deshalb beschloss man im Jahre 1922 zunächst, den Altarraum zu renovieren. Im Verlauf der Arbeiten überzeugte der leitende Kunstwart der Thüringer Evangelischen Kirche, Wanckel, aus Altenburg, den Kirchenvorstand Schritt für Schritt, die wertvolle Ausmalung der gesamten Kirche restaurieren zu lassen. Die Restaurierungsarbeiten übertrug man dem Schloss- und Dekorationsmaler Lößnitz aus Zeitz, aber auch einheimische Handwerker erhielten Teilaufgaben der Restaurierung. Zu Beginn verdunkelte man das Fenster in der Ostwand durch Betupfen mit schwarzer Farbe. Bild für Bild der Ausmalung wurde dann vorsichtig gereinigt und restauriert. Altar, Kanzel und Orgelprospekt wurden eingestimmt, und die Wände von Altarraum und Schiff erhielten im unteren Bereich eine Holztäfelung. Schließlich brachte man im Altarraum Gedächtnis- und Votivtafeln an. Der Chorbogen erhielt mit der Darstellung des Kreuzweges eine theologisch sinnvolle Ausmalung.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war zwar der Gottesdienstbesuch stark zurückgegangen, aber mit der Unterweisung der Kinder in der Christenlehre und der Arbeit mit verschiedenen Gemeindegruppen entstand ein dringender Bedarf an Nebenräumen Da für Baumaßnahmen außerhalb des Kirchengebäudes keine Genehmigung erteilt wurde, entschloss man sich 1972 mit Zustimmung des Instituts für Denkmalspflege und unter Leitung des Architekten Kaufmann vom Kreiskirchenamt Weimar, den Fußboden des Gottesdienstraumes in die Höhe des Fußbodens der ersten Empore zu verlegen. Im Erdgeschoss konnten so Räume für den Gemeindedienst (Christenlehre, Sitzungen, Chorarbeit, Bibelarbeit, Winterkirche, Kirchbüro mit Friedhofsverwaltung) entstehen. Die wertvollen Teile der alten Kirche wurden weitgehend erhalten. Sie waren wiederum stark verschmutzt und mussten restauriert werden. Die Restaurierung erfolgte unter der Leitung des Restaurators Thümmler aus Gera. Die Bildunterschriften der unteren Empore und die Bilder der Orgelemporenbrüstung konnten nicht mehr untergebracht werden. Die Kanzel, die vormals in Höhe der ersten Empore stand, wurde durch ein Lesepult ersetzt. Der Altar ist auf eine Mensa (Altarplatte) reduziert, die im Turmraum steht. Das aus der ersten Salvator – Kirche von Hermsdorf stammende große Kruzifix erhielt seinen Platz zentral im Altarraum.
Auch auf die Fassade wirkte sich dieser Umbau aus. Zunächst wurden die beiden außen angesetzten Schornsteine entfernt und durch eine Esse innerhalb des linken Treppenhauses ersetzt, das deshalb umgebaut werden musste. Unter der Treppe konnte eine Toilette untergebracht werden, die erst in den 90er Jahren behindertengerecht umgebaut wurde. Von einem neu eingebauten Heizungskeller aus erfolgte die Beheizung des Kirchsaales zeitweise mit Warmluft. Heute wird allerdings der Kirchsaal nur noch elektrisch über die ebenfalls installierte Fußbodenheizung beheizt. Auch in den unteren Räumen sorgt eine Nachtspeicherheizung für die erforderliche Wärme. Für den Kirchsaal im Obergeschoss musste ein zweiter Fluchtweg durch eine Außentreppe auf der Nordseite geschaffen werden, und der Haupteingang erhielt eine schützende Überdachung. Außerdem wurden die Fenster nach unten erweitert, um für die Räume im Untergeschoss ausreichend Tageslicht herein zu lassen.
Die Glocken auf einem Kirchturm, die zur Andacht und zum Gottesdienst rufen, haben eine schwere Aufgabe. Die Anregung des harmonischen Klangs ist alles andere als harmonisch. Das gesamte Gebäude wird dabei erschüttert. Im Jahre 1888 wurde in den Turm ein stählerner Glockenstuhl eingebaut, der 1903 nochmals verbessert werden musste, um die Belastungen möglichst weit nach unten abzuleiten. Der harte Anschlag des Klöppels verursacht manchmal auch, dass eine Glocke einen Riss bekommt und dann umgegossen werden muss. Das erlitten in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts gleich zwei der alten Glocken. Schließlich mussten 1917 alle 3 Bronzeglocken als kriegswichtiges Material abgeliefert werden. Sie wurden 1920 durch 3 Glocken aus Eisenhartguss von der Firma Schilling & Lattermann aus Apolda in der Stimmung f1, a1 und c² ersetzt. Es sind also relativ junge Glocken, die vom Kirchturm der Salvator - Kirche täglich zur Andacht rufen. In den alten Kirchenrechnungen erscheinen regelmäßig Ausgaben für Seile oder Riemen für die Glocken. Das tägliche Läuten beanspruchte die Glockenstränge sehr stark, so dass sie häufig ersetzt werden mussten. Das Läuten war aber auch eine Aufgabe, die einen verantwortungsvollen Küster und, wenn alle 3 Glocken zu läuten waren, auch noch Helfer erforderte. Deshalb wurden 1967 drei Läutemaschinen installiert, so dass nun die Glocken auf Knopfdruck bzw. pünktlich durch die Uhr gesteuert geläutet werden können. Auch das Aufziehen der Kirchturmuhr - 2 Gewichte für Uhrwerk und Schlagwerk – erforderte früher täglich den Einsatz kräftiger Arme. Seit 1993 steuert eine Funkuhr die alten Zeigerwerke und das Schlagwerk.
Die Hermsdorfer St. Salvator Kirche

Nach den umfangreichen Änderungen im Innern der Kirche sind wieder 30 Jahre vergangen. Arbeitskräfte- und Material-Mangel während des 2. Weltkrieges und in den Jahrzehnten danach verhinderten die Neueindeckung des Turmes und des Kirchendachs. Erkennbare Schäden wurden stets nur geflickt. Schon bald nach dem Umbau in den 70er Jahren zeichneten sich an der Ausmalung wiederum Wasserschäden ab. Auch die Schieferdeckung des Vorbaus war nicht mehr dicht. Es bestand die Gefahr von größeren Sturmschäden am Kirchendach, da durch schadhafte Stellen in der Dachfläche und an den Firsten entsprechende Angriffspunkte gegeben waren.

1995 konnte mit Unterstützung des Landesamtes für Denkmalspflege das Schieferdach des Vorbaus und ein kleiner Teil des Kirchendaches erneuert werden. Erst im Zeitraum 2002 bis 2004 war es durch großzügige Förderung mit Städtebaumitteln von Bund, Land Thüringen und der Stadt Hermsdorf und durch die Unterstützung der Landeskirche möglich, den Turm und das Dach des Kirchenschiffs komplett und den Forderungen des Denkmalsschutzes entsprechend neu einzudecken. Besonders schwierig gestaltete sich die Sanierung des Dachstuhls. Vor allem auf der Nordseite war der Dachstuhl infolge jahrelanger Feuchtigkeitseinwirkung durch Hausschwammbefall stark geschädigt. So musste er in großen Teilen ersetzt werden.

Den Abschluss der äußeren Instandsetzung des Kirchengebäudes bildet nun die Sanierung der Fassade. Schließlich wird in den folgenden Jahren wiederum eine Restaurierung der Ausmalung vorzunehmen sein, um Wasserschäden zu beseitigen. Auch eine benutzerfreundliche Gestaltung des Zugangs zum Gottesdienstraum steht noch auf dem Programm.
Die Hermsdorfer St. Salvator Kirche

Nach dem 1. Weltkrieg wurde ein Kriegerdenkmal für die gefallenen Hermsdorfer Bürger zwischen der Kirche und der um die Jahrhundertwende erbauten Schule errichtet. Dieses wurde - durch die damalige Gemeindeverwaltung veranlasst - 1955 abgerissen.

Waren die Einwohner Hermsdorfs seit der Gründung bis zur Reformation katholisch, von der Zeit um 1530 bis etwa 1900 evangelisch-lutherisch, so änderte sich mit der Entwicklung der Industrie und dem Zuzug von Arbeitern und Angestellten aus anderen Teilen Deutschlands das Bild. In den späten 20er Jahren des 20. Jahrhunderts waren von etwa 3500 Einwohnern nur noch rund 3000 evangelisch-lutherisch, etwa 40 katholisch, 10 neuapostolisch, etwa 40 gehörten zur Freien evangelischen Gemeinde und ungefähr 400 zählten zu den „Freidenkern“. Die Flüchtlingsströme des 2. Weltkrieges, wiederum Zuzüge infolge der rasanten industriellen Entwicklung und zahlreiche Kirchenaustritte bewirkten eine weitere Verschiebung der Verhältnisse. Auch die dunklen Kapitel der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die „Deutschen Christen“ im Dritten Reich, die Aktivitäten von kirchlichen Mitarbeitern in nationalsozialistischen Organisationen und die Verstrickung mit dem System der Staatsicherheit der Deutschen Demokratischen Republik haben vielen Menschen das Vertrauen in die Institution Kirche genommen.

Die Vielfalt in der kirchlichen Landschaft hat bis heute noch weiter zugenommen. Allerdings ist das früher spürbare gegenseitige Misstrauen einem akzeptierenden Neben- und Miteinander gewichen. Mit mehr oder weniger Beteiligung werden die verschiedenen gemeinsamen Veranstaltungen wie Sternsingeraktion, Allianzgebetswoche, Weltgebetstag der Frauen, Jugendkreuzweg, ökumenische Gottesdienste, Choralblasen zum Ewigkeitssonntag usw. von den Gemeinden getragen.


Die Salvator – Kirche bietet auch ausreichend Raum für Veranstaltungen, an denen verschiedene Gemeinden beteiligt sind. Beinah regelmäßig nutzt die katholische Gemeinde die Kirche, wenn der Platz in der eigenen Kapelle nicht ausreicht, für besondere Festgottesdienste.
Glied der christlichen Gemeinde zu sein, bedeutet auch immer, sich sozial zu engagieren. Im 16. Jahrhundert weisen die Rechnungsbücher der Hermsdorfer Kirche die Opfereinnahmen und Almosenausgaben aus. Meist wurde damals Bedürftigen von außerhalb mit kleinen Gaben geholfen. Aber es hat natürlich auch immer wieder Kriegs- und Notzeiten gegeben, in denen hauptsächlich die Armen der eigenen Gemeinde unterstützt werden mussten. Nach dem 2. Weltkrieg haben die Gemeinden über viele Jahre ideelle und materielle Unterstützung von Partnergemeinden z.B. aus Baden – Württemberg und den Niederlanden erfahren. Heut beteiligen sich die christlichen Gemeinden weltweit an den verschiedenen Hilfsprogrammen der Kirchen. Das geschieht in Verbindung mit ökumenischen Veranstaltungen auch konfessionsübergreifend. Seit vielen Jahren engagiert sich die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde Hermsdorf für die Erholung Tschernobyl –geschädigter Kinder einer ukrainisch-orthodoxen Gemeinde in Shitomir und erhält dafür Unterstützung aus allen Teilen der Hermsdorfer Einwohnerschaft und aus den Filial- und Partnergemeinden.

Die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde in Hermsdorf hat jetzt etwa 1700 Gemeindeglieder. Dank des Raumangebots in der Kirche können unterschiedliche Gemeindegruppen auch mal parallel zu ihren Aktivitäten zusammenkommen. Neben den regelmäßigen Gottesdiensten an allen Sonn- und Feiertagen finden wöchentlich die kirchenmusikalischen Übungsstunden von Posaunenchor, ökumenischem Chor und Kinderchor statt. Frauenkreis und Senioren treffen sich zu Vorträgen, Bibelarbeiten, Ausflügen, Seniorentanz und Singen. Auch Christenlehre- und Konfirmandenunterricht werden in den unteren Räumen der Kirche gehalten. Die Junge Gemeinde nutzt hauptsächlich einen Raum des alten Gemeindehauses in der Kinderheimgasse, den sie auch selbst gestaltet. Alle Gemeindeveranstaltungen sind verbunden mit der Verkündigung der christlichen Botschaft. Die alljährlich durchgeführte Bibelwoche und die Kinderbibelwoche widmen sich jeweils an mehreren Tagen hintereinander einem speziellen Thema.

Durch die Umgestaltung der Kirche in den 1970er Jahren hat sich die Akustik des Raumes verändert, so dass sie besonders für kammermusikalische Darbietungen geeignet ist. Großes Engagement der Hermsdorfer Gemeinde und der Partnergemeinden ermöglichten es im Jahre 1989, eine neue, den geänderten akustischen Verhältnissen angepasste, zweimanualige Orgel der Firma Sauer aus Frankfurt an der Oder einzubauen. Jedes Jahr lädt die Evangelisch - Lutherische Kirchgemeinde zu einer Reihe von Konzerten mit hervorragenden Interpreten ein. Ein besonderer Höhepunkt ist jeweils die musikalische Woche am Beginn der Adventszeit, in der auch stets ein größeres Chorwerk erklingt.
Die St. Salvator – Kirche steht als Baudenkmal an exponierter Stelle im Ortsbild. Dank der baulichen Anpassung an die jeweiligen Bedürfnisse der Gemeinde sind die Merkmale unterschiedlicher Stilepochen zu erkennen. Aber sie stellt nicht nur ein Baudenkmal dar. Nach wie vor ist sie der zentrale Versammlungsraum einer lebendigen Gemeinde.
Die Hermsdorfer St. Salvator Kirche

Foto links:

Weihe neuer Glocken der Kirche, vermutlich 1918.
Ganz links im Bild mit Melone Ernst Gabler

Fotos unten links und Mitte:

Alte Außen- und Innenansicht der Kirche.

Foto unten rechts:

Im Jahr 2002 wurde der Turm der Kirche neu gedeckt und die Turmuhr erneuert. Verbunden damit war die Anbringung einer neuen Wetterfahne und einer neuen Kugel. In diese wurden Dokumente der Zeitgeschichte, eingelagert.

Fotos ganz unten:

Friedhof mit Kapelle im Winter

Rundblick auf die Stadt von der St. Salvator Kirche

 
Die Hermsdorfer St. Salvator Kirche     Die Hermsdorfer St. Salvator Kirche     Die Hermsdorfer St. Salvator Kirche
 
Die Hermsdorfer St. Salvator Kirche  Die Hermsdorfer St. Salvator Kirche
 
Vom 21. bis 28.11.1982 fand eine Festwoche zum 250jährigen Jubiläum der St.-Salvator-Kirche statt.
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