Alten Regensburger Straße 21 - Teil 1  Bäckerei Eckardt später Wolff 

245 Jahre Gewerbe im Haus 1765 bis 2010 und 20 Jahre Motorgeräte Matthes 1990 bis 2010.
 

Das Haus auf dem Grundstück der heutigen Alten Regensburger Straße 21 hat eine lange und abwechslungsreiche Geschichte. Es kann auf alten Flurkarten von 1794 und 1840 bereits gedeutet werden.
Auch auf dem zweitältesten bekannten Foto aus Hermsdorf, aus dem Jahr 1871, ist das Haus abgelichtet.

 
Ernststrasse 1872    Alte Regensburger Straße heute
 

Die Kirchenbücher von Hermsdorf reichen bis in das Jahr 1750 zurück. Bis zu dieser Zeit ist auch der Nachweis der Familie Eckardt möglich. Ab 1834 in der Ernststraße, der ersten Straße, die 1872 in Hermsdorf einen Namen erhielt und diesen bis 15.07.1945 trug. Am 16.07.1945 umbenannt in Ernst-Thälmann-Straße heißt sie seit dem 01.07.1993 nun Alte Regensburger Straße.

Zeittafel

Im Jahr 1765 gründete Johann Gottfried Eckardt eine Bäckerei und übergab diese 1800 an seinen Sohn Johann Gottlob Eckardt, der diese wiederum 1833 an Wilhelm Eckardt übergab. Von 1877 bis 1910 führte Christian Friedrich Eckardt das Gewerbe. Bemerkenswert ist, dass auf historischen Fotos von 1908 nicht nur das Haus zu erkennen ist, sondern auch die Tatsache, dass bereits ein Stromanschluss vorhanden war. Sicher in einer Bäckerei, in der der Arbeitstag schon in der Nacht begann, ein großer Vorteil. Das Haus gehörte mit zu den Ersten, die Stromanschluss bekamen.

Fuhrmannsumzug 1908

Foto Pfingsten 1908 vom Umzug des Fuhrmannsvereins Hermsdorf in der Erststraße, aufgenommen vor der Bäckerei Eckardt. Das Schild am Haus trägt die Inschrift: „Bäckerei und Mehlhandlung Friedrich Eckardt“. Gut erkennbar die Stromleitung und Isolatoren am Haus. Im Haus rechts neben Eckardt befand sich die Firma „Bau- & Möbeldrechslerei Albin Schmidt“ sowie Ballsaal und „Etablissement - Centralhalle“, vormals Gaststätte „Zum weißen Hirsch“. Auch wegen seines Besitzers Oswaldscher Gasthof genannt. Dort gründete sich am 15.11.1887 der Turnverein „Gut Heil“. Die beiden ersten Festwagen gehörten Bäckermeister Ernst Stöbe, Eisenberger Straße, laut Schild „Amphibien (Zwieback) und Butterbäckerei".

Bäckerei Eckardt

Am Fenster oben: Helene Eckardt, unten von links:
Richard Eckardt, Kind Melanie Korn, Hilda Eckardt und Walter Korn im Fenster.

Foto zwischen 1910 und 1947. Die Inschrift am Schaufenster lautet: „Weißbäckerei Richard Eckardt“.

Foto zwischen 1910 und 1947. Die Inschrift am Schaufenster lautet: „Weißbäckerei Richard Eckardt“.

Foto von 1911

Foto von 1911
1 = Melanie Korn, 2 = Walter Korn, 3 = Hilda Eckardt, 8 = Helene Eckardt, 9 = Richard Eckardt.

Familie Richard Eckardt um 1914 Familie Richard Eckardt um 1914

1 =  Hilda Eckardt verh. Wolff
2 = Liesbeth Eckardt als junges Mädchen verstorben
3 =  Helene Eckardt verw. Korn, geb. Prüfer   * 21.10.1880 † 09.11.1959
4 = Walter Korn
5 = Melanie Korn verh. Simon
6 = Friedrich Richard Eckardt * 11.11.1877 † 1954
Ab 1910 bis 1947 wurde die Bäckerei dann von Friedrich Richard Eckardt geführt. Das Geschäft blieb zwar in der Familie, ging aber 1947 erstmals an einen Schwiegersohn - Walter Wolf. Dieser war beim Bau der Teufelstalbrücke dabei und fuhr die Lok der kleinen Kleinbahn mit den Baustofftransporten, bevor er zum Kriegsdienst eingezogen wurde.
Walter Wolf   Walter Wolf

Walter Wolff geriet 1941 in französischer Gefangenschaft. Die Bäckerei wurde durch dessen Schwiegermutter und seine Frau in dieser Zeit geführt. Nach der Entlassung aus der Gefangenschaft übernahm, modernisierte und erweiterte er die Bäckerei.


Aus dieser Zeit stammt der Erlebnisbericht von Günter Glatter:

Günter Glatter stammt aus Waldenburg in Schlesien. Als Jugendlicher hatte er sich am Kriegsende freiwillig zur Wehrmacht gemeldet. Er wurde in Tschechien gefangen genommen und an die Russen übergeben, wo er in Gefangenschaft nach Zittau kam. Da er aber noch nicht 18 Jahre war, wurde er bereits am 21.08.1945 entlassen.
In seine Heimat konnte er nicht zurück, so machte er sich zu Fuß auf den Weg und landete mehr zufällig in Hermsdorf. Hier wurde er in das ehemalige Ostlager, damals als Aussiedlerlager eingerichtet, eingewiesen. Im September 1945 machte er sich auf Arbeitsuche und stellte sich in der Bäckerei Wolff (vormals Eckardt) vor. Sein Aussehen, abgemagert, zerlumpt und kahl geschoren, erregte das Mitleid von Familien Eckardt und Wolff. Er bekam im Haus ein Zimmer und wurde in die Bäckerei eingestellt. Der Bäckermeister Walter Wolff befand sich seit 1941 in französischer Gefangenschaft. Die Bäckerei wurde durch dessen Schwiegermutter und seiner Frau in dieser Zeit geführt. Durch den enormen Flüchtlingsstrom gab es viel zu tun, so dass seine Arbeitskraft gebraucht wurde. Er legt noch in Hermsdorf die Gesellenprüfung als Bäcker ab.

Günter Glatter trat 1946 der neu gegründeten SED bei, kurz darauf aber wieder aus, da die Ziele nicht seinen Vorstellungen entsprachen. Die Folge war, dass er 1948 in den Uranbergbau der Wismut zwangsverpflichtet wurde und nach Annaberg-Buchholz kam. Hier wurde er als Hauerbrigadier eingesetzt. In Schlettau / Erzg. lernte er seine Frau kennen und heiratete dort. An der Bergakademie Freiberg konnte er ein Ingenieurstudium beginnen. Im ersten Studienjahr trat Günter Glatter den Zeugen Jehovas bei. Dies führte zu seiner Verhaftung und er wurde zu 7 Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er 6 Jahre in Waldheim, Torgau, Brandenburg und wieder Waldheim verbrachte. Nach seiner Entlassung stand er unter ständiger Beobachtung, so dass er 1957 in der BRD flüchtete.

Günter Glatter erinnert sich sehr gern an Hermsdorf. So hatte er hier Kontakt zur Tochter des Bärenwirt Hermann Faber (Liane V), Brigitte Schlöbe (damals Dienstmädchen bei Wolff) und anderen.

Über die DDR Zeit reiste er wiederholt im Transitverkehr von Hof nach Berlin. Hier kam es dann auch zu einigen - damals verbotenen - Kontaktaufnahmen auf dem Rasthof und in Hermsdorf.
Nach der Wende hat er schon mehrfach Hermsdorf besucht. Familie Günter Glatter lebt heute in Freiburg / Breisgau.


 
Brot-, Weiß- und Feinbäckerei Bäckermeister Walter Wolff, mit Eisdiele und Kaffeestube.
Brot-, Weiß- und Feinbäckerei Bäckermeister Walter Wolff, mit Eisdiele und Kaffeestube.
Bäckerei Eckardt    Antragsgenehmigung

Im Jahr 1961 gab Walter Wolf die Bäckerei auf. Im Laden wurden ab da Backwaren oder Lebensmittel verkauft. Ab 1961 bis zur Wende wechselten im Ladengeschäft HO und Konsum. Es war damals festgeschrieben, dass beide Handelseinrichtungen die gleiche Anzahl Geschäfte im ehemaligen Kreis Stadtroda haben durften. Hatte die HO einen neuen Laden eröffnet, übernahm der KONSUM das Geschäft und umgekehrt als „Ausgleich“.

 
1974 HO Backwaren
1974 HO Backwaren
Das Personal der Central-Lichtspiele auf einem Betriebsausflug.
Das Personal der HO (Laden im Haus) auf einem Betriebsausflug.
Das Personal der Central-Lichtspiele auf einem Betriebsausflug.
Das Personal der HO (Laden im Haus) auf einem Betriebsausflug.
Das Personal der Central-Lichtspiele auf einem Betriebsausflug.
Das Personal der HO (Laden im Haus) auf einem Betriebsausflug.
Das Personal der Central-Lichtspiele auf einem Betriebsausflug.
Das Personal der HO (Laden im Haus) auf einem Betriebsausflug.
Das Personal der Central-Lichtspiele auf einem Betriebsausflug.
Das Personal der HO (Laden im Haus) auf einem Betriebsausflug.
1989 Konsum Lebensmittel
1989 Konsum Lebensmittel

Nicht nur die Bäckerei, der Laden und das Haus haben sich entwickelt und Veränderungen wurden vorgenommen, wie auch der Blick von der Rückseite in Richtung Oberndorf belegt.

1965
1965
1974
1974
1996
1996

Im Jahr 1990 begann eine neue Geschichte. In einer Garage wurde eine Werkstatt eingerichtet, im Laden wurde verkauft. Am 14.07.1990 eröffnete Manfred Matthes seine Firma für Garten- und Forst Motorgeräte. Davon wird im Teil 2 der Chronik berichtet.

 
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